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Geschichte der Geowissenschaften: Geologie

Neumayr & Uhlig (1897): Zustand der Gestirne - Der Mars

Historische Arbeiten

W. Griem, 2020

Inhalt der Seite:
Abbildung Mars
Abbildung Kanäle - doppelt
Abb. Info
Text - infos
Text
 Der Zustand der Gestirne
Die Sterne
Leben der Sterne, Supernova
Die Planeten
Der Mars
Der Mars als Lebensraum
Bewohnbarkeit Allgemein
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Infos zum Text:

[*1]: Friedrich Argelander, deutscher Astronom, 1799 – 1875, arbeitete in Finnland und Deutschland, er bestimmte für tausenden von Sternen ihre Position sowie scheinbare Helligkeit und kartographierte sie, eine sogenannte „Durchmusterung“.

[*2]: Giovanni Schiaparelli (1835 - 1910), italienischer Astronom und Ingenieur, befaßte sich schwerpunkt-mäßig mit Planeten Observationen. Am bekanntesten wurden seine Marskanäle, welche auch von vielen anderen Astronomen bestätigt wurden. Später stellte sich heraus das es sich in den meisten Fällen um optische Täuschungen handelte.

[*3]: Angelo Secchi, 1818 – 1878; italienischer, Jesuit, Astronom und Physiker, Pionier der Spektralanalyse an Gestirnen.

[*4]: Lick Observatorium in Kalifornien wurde 1888 eingeweiht, und war eines der modernsten seiner Zeit. Bis 1897 besaß es das größte Teleskop.

Der Mars als “Lebensraum” wurde bis um 1960 angenommen: Kanäle, Farbveränderungen und sogar der Nachweis von Spektrallinien des Wassers (welche sich später als falsch herausstellten) waren starke Argumente.

 

Foto/Scan - Digital Bearbeitet: (W.Griem, 2007, 2019); von: M.Neumayr / V.Uhlig  (1897)  "Der Zustand der Planeten - mit den Mars­hemisphären und die Verdoppelung der Marskanäle

Abb. 65: Die Marshemisphären Zeichnung nach Schiaparelli

Neumayr, M. Uhlig, V. (1897): Erdgeschichte. - Band 1: 692 Seiten, 378 Abbildungen; Band 2: 700 Seiten, 495 Abbildungen, Verlag Biblio­graphisches Institut, Leipzig und Wien.
[Sammlung W. Griem]

Die Abbildungen wurden mit einem HP Scanjet G3110 mit 600dpi eingescannt, danach mit Corel Draw - Photo Paint (v. 19) digital bearbeitet. Speziell Filter der Grau­stufen­verbesserung, Elimination von Flecken sowie Verbesserung der Schärfe wurden bei der Bild­bearbeitung angewandt (W. Griem 2020).
 

Die Texte wurden mit einer Pentax Kr-3 II digitalisiert und später mit ABBYY (v.14) verarbeitet und zur OCR vorbereitet. Fraktur­schriften wurden mit ABBYY Fine Reader Online in ASCII umgewandelt; "normale" Schriftarten mit ABBYY Fine Reader Version 14.
Die Texte wurden den heutigen Recht­schreib­regeln teilweise angepasst, es wurden erläuternde und orientierende Zeilen eingefügt (W.Griem, 2020).





Eine Karte der Marshemisphären zeigt die deutliche Überbewertung der sogenannten Marskanäle, heute kann von einer Überinterpretation gesprochen werden. Die Kanäle wurden von anderen Wissenschaftlern bestätigt, und hielten sich bis ungefähr 1960. Die Interpretation der Kanäle als Bauwerke einer Zivilisation wurde von den Wissenschaftlern nicht vorgenommen, dies geschah nur in einigen (zwielichtigen) Pressemitteleilungen .

Text in Deutsch:
Originaltext von Neumayr & Uhlig, 1897:
p.78 im Original - p. 100 in der OCR-Version
Der Zustand der Planeten - Der Mars (eine optimistische Interpretation....)


Der Zustand der Gestirne.

Die Sterne
Wir dürfen mit großer Wahrscheinlichkeit schließen, daß in ungefähr demselben Zustand wie die Sonne sich auch die übrigen gelben Sterne befinden, zu welchen die Sonne ja auch gerechnet werden muß, und wir haben hier ein weiteres Stadium in dem Entwickelungsgang kennen gelernt, welchen die sich abkühlenden Himmelskörper durchlaufen. Einen Schritt weiter führt uns die Betrachtung der roten und meist veränderlichen Sterne, welche Secchi als seinen dritten und vierten Typus der Fixsterne anführt. Wie wir gesehen haben, sind die Spektra dieser Körper durch das Auftreten breiter dunkler Streifen, der sogenannten Kolonnaden, charakterisiert und zeigen Eigentümlichkeiten, die auf das Vorhandensein chemischer Verbindungen in großer Menge Hinweisen. Während auf den weißen und gelben Sternen die Hitze eine so bedeutende zu sein scheint, daß chemische Verbindungen nicht existieren können, sondern die Elemente in freiem Zustand vorhanden sind, muß die Abkühlung auf diesen roten Gestirnen so weit vorgeschritten sein, daß keine allgemeine „Dissoziation" der Grundstoffe mehr stattfindet. Zu demselben Schlusse, zu der Annahme einer niedrigeren Temperatur auf den in Rede stehenden Weltkörpern, führt uns der Umstand, daß sich unter denselben sehr viele von veränderlicher Lichtstärke finden. Allerdings können nicht alle derartigen Schwankungen des Glanzes aus denselben Ursachen, nicht alle auf Abkühlung zurückgeführt werden. Manche zeigen sehr regelmäßig periodische Veränderungen, für welche jedenfalls die einfachste und natürlichste Erklärung die ist, daß sie von einem großen dunkeln Satelliten begleitet werden, der, in gewissen Perioden vor ihnen vorübergehend, sie teilweise bedeckt und verfinstert. In anderen Fällen aber ist die Ansicht offenbar gerechtfertigt, daß wir es mit äußerst starker Fleckenbildung zu tun haben oder mit schon vollzogener Bildung von erstarrten Kontinenten in dem Glutmeer flüssigen Materials.

Das Leben der Sterne bis zu einer Supernova:
Daß in diesem Gangs der allmählichen Abkühlung und Verdunkelung sich bisweilen überaus heftige Katastrophen einstellen, beweisen die sogenannten neuen oder plötzlich aufleuchtenden Sterne; das bekannteste Ereignis dieser Art stellte der vielgenannte Stern Tycho Brahes, des berühmten dänischen Astronomen aus dem 16. Jahrhundert, dar. Tycho erblickte eines Abends zu seinem größten Erstaunen nahe am Zenith im Sternbild der Kassiopeia einen hell leuchtenden Fixstern von nie gesehener Größe. Der merkwürdige Fremdling erschien am 11. November 1572 im hellsten Glanze mit weißem Licht, im Aussehen ganz einem Fixstern ähnlich, aber weit Heller als irgend einer von diesen und die Venus an Helligkeit erreichend; allein bald trat eine Verminderung ein, schon im Dezember desselben Jahres war er nur noch dem Jupiter gleich und im Februar und März 1573 einem gewöhnlichen Stern erster Größe mit gelber Farbe. Ende März nahm er rotes Licht an, ähnlich dem des Mars, im April und Mai sank er zur zweiten Größe herab, im Juli und August zur dritten, im Oktober und November zur vierten. Der Übergang von der fünften zur sechsten Größe fand vom Dezember 1573 bis Februar 1574 statt, und später verschwand der neue Stern, der wieder weiße Farbe angenommen hatte, dem freien Auge vollständig, nachdem er im ganzen 17 Monate lang sichtbar gewesen war. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er identisch mit einem teleskopischen Sternchen zehnter oder elfter Größe, das Argelander [*1] fast genau an der von Tycho bezeichneten Stelle fand.

Ähnliche Erscheinungen wurden noch mehrmals beobachtet; der sogenannte Keplersche Stern wurde am 10. Oktober 1604 im Sternbild des Schlangenträgers entdeckt, er erreichte an Glanz fast die Venus, war aber im März 1606 selbst für sehr scharfe Augen nicht mehr sichtbar. In der Nacht des 12. Mar 1866 entdeckten Julius Schmidt in Athen und John Birmingham in Irland im Sternbild der Nördlichen Krone plötzlich einen sehr Hellen Stern, der vorher nicht vorhanden war; noch in derselben Nacht verminderte er seine Lichtstärke und war nach acht Tagen mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen. Genaue Bestimmungen des Ortes zeigten, daß dieser Stern schon lange von Argelander als der neunten bis zehnten Größe angehörig verzeichnet war, und mit derselben Lichtintensität ist er auch heute wieder sichtbar. Ein ähnlicher Fall wurde im Jahre 1876 von Julius Schmidt im Sternbild des Schwanes entdeckt. Endlich flammte im August 1885 mitten im Andromeda-Nebel ein neuer Stern sechster Größe auf, welcher schon im Jahre 1886 zur zwölften Größe herabgesunken und allmählich gänzlich unsichtbar geworden war. Wegen der überaus regelmäßigen Abnahme der Lichtstärke hält es Seeliger für wahrscheinlich, daß eine plötzliche Erwärmung, vielleicht durch den Einsturz eines dunkeln, festen Gestirns hervorgerufen, die Ursache des Aufleuchtens war. Man muß daher auch diesen Vorgang als Veranlassung zur Bildung „neuer" Sterne im Auge behalten.

Die Beobachtungen des Fixsternhimmels zeigen uns keine weiteren Stadien des Abkühlungsprozesses als die bisher betrachteten; Körper, die noch geringere Temperatur besitzen als Secchis [*3] dritter und vierter Typus, brauchen durchaus nicht ganz dunkel zu sein, aber ihr Glanz ist doch zu gering, um aus jenen unermeßlich fernen Himmelsräumen bis zu uns zu dringen. Wollen wir weitere Vergleichspunkte finden, so müssen wir in unserem Planetensystem Umschau halten, dessen Glieder nur im Widerschein des Sonnenlichts glänzen.


Die Planeten
Für die vier äußeren großen Planeten: Neptun, Uranus, Saturn und Jupiter, scheint dies allerdings nicht vollständig richtig zu sein, denn die neueren Untersuchungen machen es in hohem Grade wahrscheinlich, daß sie neben dem ganz überwiegenden reflektierten Lichte der Sonne auch in sehr geringen: Maße eigenes Licht ausstrahlen; dieselben wären demnach noch in einem wenn auch schwach glühenden Zustand. Ob sie gasförmig, flüssig oder fest seien, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen; nur so viel ist sicher, daß ihre Dichtigkeit eine ziemlich geringe ist. Die Atmosphäre dieser Planeten wurde schon bei der Besprechung der Spektralanalyse erwähnt, ebenso bereits früher des bekannten Ringes gedacht, welcher den Saturn umgibt; nur kurz heben wir die eigentümlichen streifigen Flecke hervor, die einen großen Teil der Oberfläche des Jupiter bedecken und bisher als Wolkenbildungen gedeutet wurden, während Barnard auf Grund langjähriger Beobachtungen neuerlich annimmt, daß sich die Oberfläche in einen: plastischen, teigartig weichen Zustand befinde. Die Streifen sollen in Wirklichkeit Farbenveränderungen zuzuschreiben sein, welche durch innere Eruptionen verursacht werden. Jupiter würde uns, wenn diese Anschauung sich bestätigen sollte, das Abbild einer alternden, langsam erlöschenden Sonne darbieten.

Über die zahlreichen Asteroiden ist wenig zu bemerken; an den größten unter ihnen, besonders an Vesta, sind Spuren einer Atmosphäre entdeckt worden.
Von um so größerem Interesse sind die Beobachtungen an den Planeten innerhalb des Gürtels der Asteroiden, oder wenigstens an einen: von ihnen, an Mars, während Venus und Merkur, deren Bahnen zwischen Sonne und Erde liegen, nur wenige Daten geliefert haben.

Der Mars:
Mars, der äußerste unter den vier sonnennahen Planeten, ist von zwei kleinen Monden begleitet; seine mittlere Entfernung von der Sonne beträgt ungefähr 31 Millionen Meilen, ist also um mehr als die Hälfte größer als die der Erde, so daß er nicht ganz halb soviel Licht und Wärme von der Sonne erhält wie diese. Die Bahn ist eine verhältnismäßig sehr exzentrische: sie nähert sich in der Sonnennähe dem Zentralkörper auf 28 Millionen Meilen und steht im entgegengesetzten Falle 33 Millionen Meilen von demselben ab. Der Durchmesser des Mars beträgt 908 Meilen, etwas mehr als die Hälfte von dem der Erde, seine Oberfläche 3/10, sein Volumen 1/7, seine Masse 1/10 von derjenigen der Erde. Der Umlauf um die Sonne, das Marsjahr, dauert fast 687 Tage, während die Umdrehung um die eigene Achse sich auf 24 Stunden, 37 Minuten und 24 Sekunden beläuft.

Untersuchungen über die Beschaffenheit des Mars sind schon vielfach gemacht worden; namentlich hat Schiaparelli [*2] die günstigen Bedingungen, welche sich in den Jahren 1877, 1879, 1882 und 1888 boten, benutzt, um genaue Studien in dieser Richtung zu machen. Wir verdanken dem Mailänder Astronomen äußerst interessante Aufschlüsse über diesen merkwürdigen Planeten (vgl. die beigeheftete Tafel „Die Marshemisphären")

Auf der Oberfläche des Mars findet man hauptsächlich zweierlei Bestandteile, nämlich hellere, gelbe oder rote und dunklere, eisengraue oder schwarze Stellen, welche in ihrer Lage und Begrenzung im allgemeinen keine Veränderungen erleiden. Die ersteren Partien betrachtet man als Festland, die letzteren als Meer. Bei einem Vergleich mit der Erde ergibt sich vor allem, daß das Verhältnis vom Meere zum Festland ein sehr verschiedenes ist, indem das vom Wasser bedeckte Areal auf den: Mars viel geringer ist als bei uns und kann: die Hälfte der ganzen Oberfläche einnimmt. Trotzdem gibt es aber keine großen Kontinente auf dem Mars sondern alles Land besteht aus einer sehr bedeutenden Anzahl ansehnlicher Inseln, die durch Meereskanäle voneinander getrennt werden und namentlich um den Äquator und auf der nördlichen Hemisphäre angehäuft sind, während um den Südpol offeneres Meer vorhanden ist.

Die Verdopplung der Marskanäle - Neumayer & Uhlig, 1897

Abb. 66: Die Verdoppelung der Marskanäle - Neumayr & Uhlig

Das Meer zeigt von einer Mars-Opposition zur anderen, ja im Laufs desselben Jahres merkliche Farbenänderungen; außerdem enthält es Stellen unbestimmten Charakters, die sich zeitweilig als Festland darstellen, dann wieder als Meer, und welche man als Untiefen betrachtet. Manche von den Flächen, die das Meer verläßt, überziehen sich nach Pickering sehr rasch mit einer grünen Farbe, welche den Eindruck macht, als rühre sie von einer rasch entwickelten Vegetation her. Das merkwürdigste aber sind jedenfalls die schon erwähnten Kanäle, von denen sich einige längs einer Linie ohne jede Unregelmäßigkeit über den vierten Teil des Planetenumfangs erstrecken. Niemals endet ein Kanal blind, sondern es stehen alle untereinander oder mit dem freien Meer oder größeren Seen in Verbindung. Zuweilen wird ein Kanal für längere oder kürzere Zeit unsichtbar, zu anderen Zeiten kann er das Aussehen eines breiten, verwaschenen Streifens annehmen. Die seltsamste Veränderung der Kanäle besteht aber in deren Verdoppelung, die sich zuweilen in wenigen Tagen, vielleicht Stunden nach einem Umformungsprozeß vollzieht, dessen Einzelheiten uns noch nicht bekannt sind. Statt der einen ursprünglichen laufen nun zwei dunkle Linien nebeneinander her (s. Abbildung 65). Können wir schon die Form der schmalen, langen, schnurgeraden Kanäle unseren irdischen Erfahrungen schwer anpassen, so läßt uns unsere Phantasie hinsichtlich der Verdoppelung der Kanäle vollends im Stiche und wir können uns keine auch nur entfernt befriedigende Vorstellung über das Wesen und die Bedeutung dieser rätselhaften Erscheinung machen

Außer den gelben und grauen, ihre Gestaltung stets beibehaltenden Stellen bemerkt man auf dem Mars auch völlig weiße Gebiete, die aber nur an den Polen von längerer Dauer sind. Die Veränderungen in der Ausdehnung dieser weißen Flächen stehen in bestimmter Beziehung zu der in der betreffenden Gegend jeweilig herrschenden Jahreszeit. Diese letztere können wir genau ermitteln, da die hierauf bezüglichen Verhältnisse, Lage des Äquators und der Drehungsachse und die Umschwungsdauer für den Mars bekannt sind. Auf der nördlichen Halbkugel herrscht ein milder, kurzer, auf der südlichen ein langer, sehr strenger Winter. Ganz ebenso wie unsere irdischen Polarkalotten wachsen die weißen Polarflecke des Mars zur Winterszeit, schmelzen dagegen in der wannen Jahreszeit stark ab. Die nördliche Polarkappe scheint zentrisch zum Marspol zu liegen, die südliche ist mit ihrem Mittelpunkt etwa 5,4° oder 340 km vom Südpol entfernt. In der Zeit des Minimums, 3—6 Monate nach dem Sommersolstiz (dem längsten Tag) ist der Südpol selbst eisfrei. Zeitweilige Schneefelder finden sich auch entfernter von den Polen, selbst bis zum Äquator hin, und es wird angegeben, daß sich solche weiße, unter dem Einfluß der Sonnenbestrahlung meist bald verschwindende Felder dann einstellen, wenn vorher Wolken und Nebelbildungen über dem betreffenden Teil der Marsfläche gelagert waren. Wenn wir nun noch bedenken, daß das Spektroskop in der Marsatmosphäre reichlichen Wasserdampf, das Teleskop Wolken- und Nebelbildungen nachweist, werden wir nicht umhin können, den Schluß, daß auf dem Mars auch Meere vorhanden sein und diese mit den eisengrauen Stellen der Marsoberfläche zusammenfallen müssen, als wohl begründet anzusehen.

Diesen in die Augen springenden Analogien mit den irdischen Verhältnissen stehen bemerkenswerte Abweichungen gegenüber. Daß die großen Kontinente der Erde am Mars durch zahlreiche gedrängte Inseln ersetzt werden und das Meer eine verhältnismäßig geringe Fläche einnimmt, wurde schon bemerkt. Es ist noch hinzuzufügen, daß man wegen der oben erwähnten Untiefen und der großen Veränderlichkeit des Aussehens des Meeres demselben nur eine geringe Tiefe zuschreibt, und noch weitere Differenzen ergeben sich, wenn wir das Relief berücksichtigen: nirgends finden sich Spuren jener energisch hervortretenden Linien, welche die Erde der Anwesenheit ihrer großen Kettengebirge verdankt. Vor allem aber erregt unsere Verwunderung die zuerst von Schiaparelli beobachtete und von den Astronomen der Lick-Sternwarte [*4] bestätigte Fülle der topographischen Veränderungen im Festen und Flüssigen, die sich auf der Marsoberfläche alljährlich und oft in rascher Folge vollziehen, und für welche wir uns auf der Erde vergeblich nach einem Vergleichspunkte umsehen.

Der Mars als Lebensraum:
Ehe wir die Betrachtung des Mars verlassen, drängt sich uns noch eine Frage auf. Wir sehen auf diesem Planeten Wasser und Land, eine Atmosphäre und klimatische Verhältnisse, ganz ähnlich den irdischen: existiert nun dort organisches Leben, grünt frischer Pflanzenwuchs, und regt sich eine tierische Bevölkerung auf dem Mars? Nach dem soeben Gesagten ist es sehr wahrscheinlich, daß die Möglichkeit hierfür gegeben ist; ob aber Organismen wirklich vorhanden sind, dafür hat die Wissenschaft keine bestimmte Antwort. Es widerstrebt uns allerdings, einen Weltkörper, der für die Aufnahme von Bewohnern geeignet ist, für wüst und öde halten zu sollen. Wer die Entstehung des Lebens der direkten Wirkung eines Schöpfers zuschreibt, wird sich nicht denken können, daß dieser eine Wohnstätte bereite, ohne sie zu bevölkern; wer die Entstehung der Organismen als Produkt selbständiger Urzeugung betrachtet, wird nicht verstehen können, warum das Zusammenwirken derselben Stoffe und Kräfte auf dem Mars nicht dieselbe Wirkung gehabt haben sollte wie auf der Erde. Wir werden es daher als sehr wahrscheinlich ansehen, daß unser Nachbarplanet bewohnt sei; einen Beweis dafür haben wir aber nicht. Dagegen scheint uns die Annahme etwas gewagt, daß auch die Entwickelung der Organismen mit derjenigen der Erde so weit übereinstimme, daß man von Tieren und Pflanzen sprechen kann; es ist im Gegenteil möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß dieselben wegen einer ganz eigentümlichen Ausbildung in keines unserer Reiche einzureihen sind. Wenn man sich vollends damit beschäftigt, welche geistigen Fähigkeiten die mutmaßlichen Menschen des Mars besitzen, unter welchen Verhältnissen und sozialen Einrichtungen sie leben, wie das wohl von manchen Seiten geschehen ist, so hören derartige Phantasien auf, wissenschaftliche Beachtung zu verdienen; sie sind ein artiges Spiel, das für Jules Verne einen dankbaren Romanstoff liefern mag, aber nicht mehr.


Die Bewohnbarkeit im Allgemeinen:
Beiläufig sei hier noch die Frage nach der Bewohnbarkeit anderer Weltkörper kurz erwähnt; es ist dies ein Problem, welches sich komplizierter darstellt, als es auf den ersten Blick erscheint. Auf der Erde ist das Leben an das Vorkommen gewisser sehr zusammengesetzter Verbindungen des Kohlenstoffs mit Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff etc. gebunden, vornehmlich an die sogenannten Eiweißstoffe. Diese haben fast alle die Eigentümlichkeit, bei einer Wärme von 70°C., also noch ziemlich weit unter der Siedehitze des Wassers, zu gerinnen; es kann also in der Regel kein Leben existieren, wenn die Temperatur höher ist, obschon einzelne niedere Tiere bei noch etwas größerer Wärme fortkommen sollen; ebenso wenig sind die Lebensbedingungen gegeben, wenn die Temperatur bleibend unter dem Gefrierpunkt verharrt. In dem Ungeheuern Abstand zwischen der eisigen Kälte des Weltraumes und der furchtbaren Glut der Sonne und der Sterne ist also nur ein verschwindend kleiner Spielraum, innerhalb dessen organisches Leben in unserem Sinne möglich ist. Außerdem müssen Kohlensäure, Wasser, Sauerstoff, Stickstoff in genügender Menge und in gewissen Verhältnissen vorhanden sein; kurzum, es bedarf des Zusammentreffens überaus vieler Bedingungen. Alle Fixsterne mit eigenem Licht sind wegen ihrer hohen Temperatur von vornherein ausgeschlossen, ebenso die Nebelflecke, während die Kometen außer den Zeiten ihrer Sonnennähe viel zu wenig Wärme erhalten. Unter allen uns sichtbaren Himmelskörpern können also nur die Planeten Organismen enthalten, unter ihnen haben aber wohl Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun eine zu hohe eigene Temperatur; die Asteroiden und Monde haben teils keine oder nur Spuren einer Atmosphäre, teils sind sie zu weit von der Sonne entfernt, um von ihr die erforderliche Wärmemenge zu erhalten. Für Mars und vermutlich auch für Venus, die von der Sonne etwa doppelt soviel Wärme erhält wie die Erde, dürfen wir die Möglichkeit der Existenz von Organismen annehmen, während auf dem Merkur nur kleine Teile der Oberfläche den Bedingungen der Bewohnbarkeit entsprechen dürften.

Unter der Ungeheuern Menge der uns sichtbaren Himmelskörper sind es also nur zwei, höchstens drei, welche möglicherweise organisches Leben, wie wir es auf der Erde kennen, auf ihrer Oberfläche beherbergen. Da aber vermutlich auch die Fixsterne zum großen Teil von Planeten umgeben sind, so ist es sehr wohl möglich, daß sich unter diesen eine Menge von Körpern findet, welche dieselben Bedingungen bieten. Wir haben bisher angenommen, daß die Existenz des Lebens an das Vorhandensein von Eiweißstoffen gebunden sei, und haben auch keinen positiven Anhaltspunkt, davon abzugehen; immerhin aber wäre die Hypothese nicht absurd, daß unter uns unbekannten Temperaturverhältnissen andere Grundstoffe dem Eiweiß analoge Verbindungen bilden, welche das Substrat für verwickelte chemische und physikalische Prozesse abgeben könnten, jenen ähnlich, die wir an Tieren und Pflanzen beobachten und als „Leben" bezeichnen. Wiewohl eine solche Vermutung nicht in den Bereich der Unmöglichkeit gehört, kann sie doch auch keine Grundlage für weitere Schlüsse abgeben.

[Ende p. 84  / OCR-p.107]


Literatur:

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Publiziert: 4.8.2019 / Aktualisiert: 4.8.2019, 5.7.2020
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